"Wort zur Woche" vom 20. Oktober 2018

   Jörg Dittmar, Dekan

Gott und die Wahl

Als meine Dekansvorgänger noch Schnallenschuhe und Puderperücke trugen, gab es tiefstes Misstrauen gegen demokratischen Umtriebe. „Top down“ stellte man sich Gottes Handeln vor und genauso menschliche Macht „von Gottes Gnaden“. Da sagt einer was und es geschieht ohne Diskussion und Widerwort. Dass Gott so vorgeht, legt die Schöpfungsgeschichte nahe.

Doch der Gott der Bibel hat das mit dem „Durchregieren“ schnell gelassen als ihm endlich der Mensch mit eigenem Willen und Widerworten gegenüberstand. Damit  ging es los: Das Ringen um gut und böse, richtig und falsch. Das Werben um Vertrauen und das Reden, Reden, Reden. Oft ringt der Gott der Bibel mit sich, ob er dreinschlagen soll oder auf Liebe und Geduld setzen. Die Geschichte des Wanderpredigers Jesus Christus, der weder Diskussionen mit seinem Team noch mit seinen Kritikern scheute, zeigt, wie Gott sich letztlich entschieden hat. Lieber Gewalt erleiden, als Gewalt zufügen – dafür steht das Kreuz.
Das ist der Boden, auf dem Demokratie wächst: Der Verzicht, die eigene Meinung gewaltsam durchzusetzen, die Achtung der Würde aller Menschen, die Wertschätzung des Dialogs und der Diskussion auf Augenhöhe. Mit dem christlichen Glauben hat Demokratie viel zu tun. So viel, dass Christen für die Werte der Demokratie eintreten müssen, wenn Macht-Arroganz, Angstmacherei oder das Schüren von Misstrauen zum Politikstil werden.
Die Evangelischen in Bayern wählen an diesem Sonntag ihre neuen Kirchenvorstände. Sie haben die Demokratie in die Leitung ihrer Kirche schon vor 500 Jahren eingepflanzt. Ja, die Anfänge waren klein. Aber unterdessen haben nicht wenige Politiker gerade in unserer Kirche Demokratie gelernt und wie man einen Diskurs führt, der klar in der Sache, aber menschenfreundlich und fair bleibt. Und natürlich wissen Kirchenvorstände, dass es Werte und Wahrheiten gibt, die nicht zur Diskussion stehen. Das wissen aber hoffentlich auch Politiker! In der bayerischen Verfassung heißt diese Grenze „Ehrfurcht vor Gott“ - untrennbar verbunden mit der Ehrfurcht vor dem Leben.

Jörg Dittmar, Dekan