"Wort zur Woche" vom 3./4. Februar 2018

   Pfarrerin Annegret Pfirsch

Grad kommen wir erst von Weihnachten her – und schon geht es auf die Passionszeit zu. (Nur) noch ca. sechzig Tage bis Karfreitag, aber auch bis Ostern.
Freude über die Geburt eines ersehnten Kindes, an das so viele Hoffnungen geknüpft sind, Trauer und Bestürzung über das Leiden und Sterben eines geliebten und bedeutenden Menschen, von dem man doch noch so viel erhofft hatte – im Kirchenjahr folgt es dicht aufeinander. Aber auch im Leben liegt es oft näher beieinander, als uns lieb ist.

Wie soll man damit umgehen, wenn einen plötzlich und völlig unerwartet unermessliches und unbegreifliches Leid trifft? Wie soll man das nur aushalten, wenn man sich doch vielleicht am liebsten mit ins Grab legen würde, weil man so gar keine Zukunft mehr sieht? Zu welcher Reaktion Sie wohl neigen? Versteinern Sie geradezu? Ziehen Sie sich völlig zurück? Klagen Sie laut? Finden Sie jemanden, der schweigend Ihren Schmerz und Ihre Traurigkeit aushält und vielleicht auch ein wenig mitträgt? Fluchen Sie Gott, weil er das alles nicht verhindert hat? Ergeben Sie sich in Ihr Schicksal? Vertrauen Sie weiterhin auf Gott? Ärgern Sie sich über andere Menschen, die Ihnen (vielleicht kühl, vor allem aber) logisch erklären wollen, dass das alles seine Richtigkeit habe? Verzweifeln Sie an solchen „Freunden“?

Ich kann nicht sagen, zu welcher Reaktion ich tendieren würde, denn ich bin bisher von wirklich schweren Schicksalsschlägen verschont geblieben. Der HERR hat mir viel gegeben!

Die Gestalt der Bibel, die schlechthin für diese Fragen steht, ist Hiob. Ihm ist unermessliches Leid widerfahren. Sein Besitz ist verloren gegangen, alle seine Kinder sind gestorben und dann ist auch noch er selbst von einer Ekel erregenden Krankheit befallen worden, die ihn aus der menschlichen Gemeinschaft ausschließt.

Welche Reaktionen zeigt er? Wie geht sein Umfeld mit ihm um? Da ist seine Frau (vermutlich selbst völlig verzweifelt), die ihm rät, Gott zu fluchen und zu sterben. Da ist Hiobs Reaktion, wenn er – trotz allem – auf sein Gottvertrauen beharrt: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“ (Hiob 1,21) und „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,9) Dann sitzt er voller Schmerz im Dreck und schweigt sieben Tage und sieben Nächte lang, begleitet von seinen Freunden, die diesen abgrundtiefen Schmerz schweigend mittragen. So stelle ich mir Trauerbegleitung vor.

Aber dann fangen sie an zu versachlichen, zu erklären und sogar den Grund für das Leiden bei Hiob zu suchen, als ob Gott ihn strafen würde. Da spiegelt sich Mitleidlosigkeit und Unmenschlichkeit. Hiob wehrt sich dagegen; er verzweifelt aber auch an Gott, weil er nicht verstehen und nicht erklären kann, warum ihn all dieses Leiden trifft. Als äußerstes bittet er sogar Gott, ihn (Hiob) gegen ebendenselben Gott zu verteidigen. Es dauert lange, bis Hiob sich dem beugt, was ihm widerfahren ist, auch wenn er es weiterhin nicht verstehen kann. Er beugt sich dem, was Martin Luther den „verborgenen“ oder „abgewandten“ Gott genannt hat, die dunkle Seite Gottes, die wir nicht verstehen – so, wie wir auch das Leiden Unschuldiger nicht verstehen.

Jesus Christus hat unschuldig Leiden und Tod auf sich genommen. Manchem von uns kann das helfen, viele Fragen bleiben vielleicht trotzdem. Aber vielleicht können wir auch zögernd den verzweifelten und vertrauensvollen Ausruf Hiobs mitsprechen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ (Hiob 19,25)

Ihre Annegret Pfirsch, Pfarrerin an der Justizvollzugsanstalt Kempten